Eigentlich
streife ich so ohne ein besonderes Ziel, durch die Parkanlagen
unserer Stadt. Hin und wieder kicke ich einen Stein mit der Schuhspitze,
so daß er halb hüpfend, halb rollend davonspringt.
Die Bank neben
den Wasserspielen lädt zum Sitzen ein. Diese Mischung aus Wasserrauschen
und Sonnenschein erinnert mich stets von Neuem an die herrliche
Urlaubszeit. Der schwere Duft der beginnenden Frühlingszeit durchzieht
alle Sinne.
Zuweilen durchbricht
ein vorbeigehender Spaziergänger die Sonnenstrahlen, die auf mein
Gesicht fallen und damit auch kurz meine "Wachträume". Stets wandert
mein Blick dann ein Stück des Weges mit ihnen.
Plötzlich
sehe ich sie. Wie ein Engel aus dem Himmel, so schwebt sie förmlich
aus der Sonne kommend auf mich zu. Die Strahlen verleihen ihrer
wundervollen Figur eine Aura aus Glanz und Wärme.
Darf ich sie
wohl ansprechen? Sie ist mir ein Risiko wert! Während ich mich
erhebe, biete ich ihr einen Platz auf "meiner" Bank an. Dankend
nimmt sie die Einladung an, setzt sich neben mich und streift
mit einer schnellen Bewegung den linken Schuh ab, um einen Stein
daraus zu entfernen. Eine gute Gelegenheit, einen Blick auf ihren
zierlichen Fuß zu werfen.
Der betörende
Duft ihres Parfüms spricht meine Sinne noch mehr an als die Frühlingsluft.
Hoffentlich bleibt sie noch sitzen. Nun lächelt sie mich an und
bedankt sich für den Sitzplatz. Ihre einschmeichelnde Stimme fasziniert
mich. Nun bin ich vollkommen "hin".
Fast wie in
Trance höre ich mich die Einladung zu einer Tasse Kaffee aussprechen,
die sie dankend annimmt. Wie unter einem Stromschlag zucke ich
zusammen, als sie ihre Hand einhakend auf meinen linken Arm legt.
Ich begreife
es kaum. Sie geht mit mir. Unter Tausenden bin ich der Auserwählte,
der an diesem Nachmittag bei ihr sein darf.
Im kleinen
Café, am Ecktisch mit Blick auf den Park verbringen wir die nächsten
drei Stunden. Die Harmonie unserer Wertvorstellungen, Gedanken
und Wünsche, die wir im Gespräch erfahren, läßt uns den schlabberigen
Kaffee, den teilweise gefrorenen Kuchen und die Umgebung vergessen.
Es wächst
langsam das Gefühl jahrelanger Vertrautheit, obwohl wir uns erst
seit wenigen Stunden kennen. Nur so kann es sein, wenn die Menschen
von der "Liebe auf den ersten Blick" sprechen.
Abends darf
ich sie in meinem Wagen nach Hause fahren. Unterwegs "streikt
der Motor" und ich nutze die Gelegenheit, ihr meine Liebe zu gestehen.
Dieser Tag
zählt zu den schönsten in meinem Leben. So von Liebe durchdrungen
fühlte ich mich schon lange nicht mehr. Wahrhaftig ein herrliches
Gefühl, an dem ich mich monatelang erfreuen kann.
Bald machen
meine Frau und ich wieder einen "Kennenlerntag", an dem wir uns
"ganz zufällig" irgendwo in der Stadt treffen. Dieses Erlebnis
baut uns für Wochen auf und läßt manch Sorgen zweitrangig werden.
-
aus Liebfrauenbote, 28. Juni 1998